Heimatgefühle, hier und dort

Ich will es nicht ganz glauben, aber schon seit sechs Wochen ist mein Einsatz in Kambodscha vorbei und ich lebe wieder in Falkensee bei meinen Eltern.

Nachdem ich am Mittwoch, den 18.03., von meiner Kommunität und all den verbliebenen Mitarbeiter*innen an der Xavier Jesuit School verabschiedet wurde, fuhr mich Father Jinhyuk nach Phnom Penh. Dort traf ich meine Mitfreiwillige Benedicta und übernachtete noch eine Nacht in der dortigen Kommunität. Am Donnerstag Abend, drei Tage nach der Nachricht von Weltwärts, saß ich im Flieger zurück ins kalte Deutschland mit Zwischenstopp in Bangkok und Abu Dhabi. In den letzten beiden Flügen saßen fast nur noch Deutsche und ich traf auch einige andere Volunteers vom Zwischenseminar wieder. Wegen des eingeschränkten Flugverkehrs landeten wir in Frankfurt und nahmen von dort den Zug nach Berlin. Die Deutsche Bahn wird ja oft belächelt und kritisiert, aber für uns war die Fahrt wirklich besonders und ich realisierte, dass ein so zuverlässiger, schneller und komfortabler Fernverkehr wirklich eine große Errungenschaft ist.

Also bestaunten wir die so vertraute und doch neu entdeckte Landschaft aus den Fenstern des Zuges und kamen gegen Abend in Berlin an. Bei all den plötzlichen Ereignissen hatte ich nur wenig Zeit viel über meine Rückkehr nachzudenken, doch als ich dann in mein Elternhaus trat, neugierig durch die Räume ging und schließlich in meinem Kinderzimmer ankam, war ich doch überrascht, wie wenig sich verändert hatte. Alles war so vertraut und ich fühlte mich gleich wieder zuhause.

In Kambodscha begannen ja gerade erst die Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Covid-19, doch in Deutschland waren Ausgangsbeschränkungen und ähnliches schon im vollen Gange. Da meine Mutter in einer Apotheke arbeitet und ich gerade erst drei Flüge hinter mir hatte, entschieden wir uns möglichst auf Abstand zu bleiben und zum Beispiel getrennt zu Essen. Ich blieb also viel in meinem Zimmer, was mir nach all dem Stress auch erstmal gar nicht so unrecht war. Nach zwei Wochen, war die selbstgewählte Isolation vorbei und ich konnte zumindest wieder in das normale Familienleben starten. Mein Bruder und seine Freundin waren einige Tage nach mir dazugestoßen, um in der Apotheke auszuhelfen. Wir hatten also ein volles Haus und unser Leben war dem der Kommunität manchmal gar nicht so unähnlich. Nachdem ich so plötzlich aus meinem Lebensinhalt herausgerissen wurde, nutzte ich den letzten Monat, um mich neu auszurichten und zu orientieren, aber auch um das Vergangene zu betrachten und wertzuschätzen.

Gemeinsam mit den anderen Jesuit Volunteers und unseren Referentinnen reflektierte ich in mehreren Formaten, also in Klein- und Großgruppe, oder in Zweiergesprächen mit anderen Volunteers oder einer Referentin, über meinen Einsatz und meine Eindrücke hier in Deutschland. Alles online versteht sich.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, sehe ich meine Heimat nach dem Einsatz aus einer völlig neuen Perspektive. Ich fühle mich so, als ob mein Blick sich geweitet hätte und sich mir Dinge zeigen, die ich zuvor nie wahrgenommen hätte. Auch weiß ich nun viele Dinge wertzuschätzen, die ich sonst als alltägliches nicht weiter beachtet hätte. Dinge wie den öffentlichen Nahverkehr, Krankenkassen, das Rentensystem, Arbeitslosenhilfe, Gewerkschaften, das gerade jetzt so wichtige Gesundheitssystem und unsere hinter allem stehenden demokratischen Grundwerte, um nur die größten Geschenke zu nennen, die wir jeden Tag erfahren dürfen.

Aber ebenso wie ich positive Aspekte wahrnehme, fallen mir auch viele Dinge auf, die ganz und gar nicht gut funktionieren und bei denen wir sicher auch von vielen Kambodschaner*innen etwas lernen können. Besonders bewegt mich die Frage, auf welche Weise Menschen in Europa konsumieren. „Was wird doch alles bestellt und gleich wieder zurück geschickt?“ „Brauchen wir immer die neuste Technik?“ „Muss es jedes Jahr ein noch exotischeres Reiseziel sein?“ …und ähnliche Fragen muss wohl jeder und jede für sich alleine beantworten.

Was ich als Hilfestellung bei solchen Entscheidungen gelernt habe ist ein Ansatz von Brother Deepak. In der Reflexion über Alternativen aus denen ich wählen kann frage ich mich: „What do I want and what do I need?“ Was will ich und was brauche ich? Das hört sich zwar erstmal nach einem asketischen Lebensmotto an, aber ich brauche zum Beispiel auch mal einen Kinobesuch zum entspannen oder einen schönen Urlaub. Allerdings hilft mir das reflektieren über diese Frage dabei die Relationen zu waren und zu merken, wenn ich etwas einfach nur will und aus dieser Motivation heraus den Blick für Menschen oder Dinge um mich herum verliere.

Ich habe das Gefühl wieder wirklich in Deutschland angekommen zu sein. Doch desto mehr sich mein Alltag normalisiert hat, desto mehr spürte ich, wie sehr ich meine Arbeit in Kambodscha, die Geräuschkulisse, die Hitze und das Kinderlachen vermisse. Einen Teil von mir habe ich in Kambodscha gelassen, dafür ist nun ein Teil von Kambodscha in mir.

Ausblick: Durch meine verfrühte Rückkehr ist es jetzt noch ein halbes Jahr, bis ich anfangen kann zu studieren. Daher befinde ich mich in einer ungewöhnlichen Situation zwischen zwei großen Lebensabschnitten ohne ein echtes Ziel oder eine Mission. Seit zwei Wochen habe ich angefangen in einer Apotheke beim Wareneingang und anderen Dingen zu helfen. In diesem Monat geht dann die Bewerbung für mein Studium raus. Ich habe immer noch ab und zu Kontakt zu den Menschen im Projekt und werde euch auch bald berichten, wie die Schule mit der aktuellen Situation umgeht.

Danke für Lesen und dass ihr immer noch dabei seid. Falls ihr Feedback oder Fragen haben solltet freue ich mich über eure Mails. Bleibt gesund!

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