„Sok sabay tam plöw“ – Alles Gute auf deinem Weg

Der Covid-19 Virus hält ja gerade die ganze Welt in Atem und jeden Tag passiert Unvorhersehbares und niemand weiß genau was morgen ist. Was wirklich keiner hat kommen sehen ist, dass ich euch heute aus meinem Kinderzimmer in Falkensee, Deutschland schreibe, wo ich am Freitag den 20.03. ankam. Warum und weshalb? Darum geht es im heutigen Eintrag.

Nachdem ich vom Zwischenseminar in Kampot zurück kam, genoß ich eine ganz normale Woche, in der ich gemächlich wieder in meinen Arbeitsrhythmus einfand. Am darauf folgenden Montag den 16.03. begann ich mit meinen Schülerinnen und Schülern die Schulfeier für das Khmer New Year vorzubereiten. Alle Klassen sollten drei Tanzchoreografien lernen, die wir am Ende der Feierlichkeiten zusammen tanzen. Als ich nach dem Unterricht zum Mittagessen in unseren Gemeinschaftsraum kam berichtete Kristina gerade, dass alle Schulen landesweit sofort schließen müssen. Es war ein Brief von der Regierung in der Pause angekommen. Ganz ungläubig aß ich schnell auf und gemeinsam gingen wir zu den Versammlungen der Mittel- und Grundschule, bei denen die Neuigkeiten verkündet wurden. Die meisten Schüler*innen freuten sich natürlich, das sie keine Klausuren mehr schreiben müssen, doch manche realisierten bereits, dass ein Monat ohne Schule langweilig und einsam werden kann. 

In der Grundschule waren die Reaktionen gemischt und es floßen auch Tränen. Ich stellte mich an den Ausgang und verabschiedete mich von allen Kindern mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir uns in einem Monat wieder sehen würden. Innerhalb von einer Stunde war der Campus wie leer gefegt und nur noch wenige Kinder warteten darauf von ihren Eltern abgeholt zu werden. Auch von den Lehrerinnen und Teacher Sokun, meinem Khmer-Lehrer verabschiedete ich mich und wartete im Büro der Grundschule, bis alle nach Hause gegangen waren. Sogar die Scholarships machten sich noch am selben Tag auf den Weg in ihre Heimatdörfer und so waren am Nachmittag nur noch eine Hand voll Menschen auf dem sonst so lebendigen Gelände.

Am Abend organisierte ich noch einen Filmabend für den Rest der Internatsschüler*innen und wir schauten Coco, ein Film in dem es um das erinnern von Familie und Freunden geht. Der Titelsong „Remeber Me“ passte gut zu unserer Situation.

Glücklich ging ich zurück auf mein Zimmer und überlegte schon was ich jetzt mit der vielen freien Zeit anstellen würde, doch dann schaute ich auf mein Handy und sah ganz viele Nachrichten in der Chat-Gruppe mit den anderen Jesuit Volunteers. Irgendetwas war geschehen. An diesem Montag hatte das Weltwärts-Programm, also das Förderprogramm des Bundes für Freiwillige wie mich, entschieden, dass alle Freiwilligen aus allen 32 Einsatzländern so schnell wie möglich nach Deutschland zurückkehren müssen. Der Grund für das Ergreifen dieser letzten Handlungsmöglichkeit war die Sorge, dass ein zu jeder Zeit möglicher Rücktransport der Freiwilligen (zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen) wegen der globalen Maßnahmen gegen Covid-19 nicht mehr möglich ist. Kurz gesagt die Sorge, dass wir in einem Land mit einem sehr schlechten Gesundheitssystem festsitzen und kein Flieger mehr nach Deutschland geht.

Die Nachricht traf mich wie aus dem Nichts und ich wollte es einfach nicht wahrhaben. Noch am Abend schrieb ich meinen Kolleginnen und fragte, ob sie nicht am kommenden Morgen zum Büro kommen wollen, um lebe wohl zu sagen.

Als ich am nächsten Morgen aus der Tür trat, verstand ich langsam, dass meine Zeit an diesem wundervollen, friedlichen Ort mit all den lieb gewonnenen Menschen in wenigen Tagen vorbei ist. Zunächst verabschiedete ich mich von den letzten Scholarshipstudents, die sich auf den Weg nach Hause machten, dann ging ich zum Büro der Grundschule, wo schon einige Lehrerinnen auf mich warteten. Noch ein letztes Mal lachten wir zusammen und machten verrückte Fotos, doch auch diese Zeit der schönen Zusammenarbeit musste ein Ende finden. Nach einem Meeting mit der Kommunität zur aktuellen Lage, fing ich in stiller Resignation an mein Zimmer leer zu räumen und alles in den schon verstaubten Koffer zu packen. Vor der Messe fuhr ich noch ein letztes Mal mit dem Fahrrad auf meinem alltäglichen Arbeitsweg in die Deylo-Schule und sah auch einige meiner Schüler*innen. Ich versuchte ihnen die Lage zu erklären und verabschiedete mich von ihnen, obwohl sie das alles noch weniger verstehen konnten als ich.

Die Messe war die schönste, die ich in den ganzen sieben Monaten erleben durfte. Zum Segen kniete ich in der Mitte unserer kleinen Kapelle unter den ausgestreckten Händen der anderen Kommunitätsmitglieder und nach diesem sentimentalen und kraftvollen Moment wurden natürlich sofort Fotos gemacht. Sehr Kambodschanisch 🙂

Zum Abendessen trafen wir uns mit den noch übrig gebliebenen Lehrer*innen und Mitarbeiter*innen. Alle brachten etwas zu Essen mit, anschließend wurden viele nette Dinge über mich gesagt und schnell organisierte Geschenke überreicht. Wir tanzten noch bis spät in den Abend und ich schlief die letzte Nacht in meinem so vertraut gewordenen Zimmer.

Als ich am nächsten Morgen die Treppe runter in den Hof kam erwartete mich ein rührendes Bild. Um das Auto standen alle Mitarbeiter*innen aus den Büros, die Nachtwächter, Gärtner und die Putzkräfte, um sich von mir zu verabschieden. Voll Trauer, aber noch größerer Dankbarkeit stieg ich zu Father Jinhyuk ins Auto und wir fuhren los Richtung Phnom Penh.

Obwohl alles so schnell ging, konnte ich -jetzt schon mit einer Woche Abstand- meinen Frieden mit den Geschehnissen schließen. Denn obwohl ich keine Geschenke oder schöne Dankesworte vorbereiten konnte, so habe ich mich trotzdem von allen gut verabschieden können. Meinen Schülerinnen und Schülern schicke ich noch eine Audionachricht zu und für die Scholarships habe ich am letzten Abend noch ein kleines Video gedreht. Jede Begegnung war ein einmaliges Geschenk und ich werde diese Zeit nie vergessen.

Ausblick: Zwar ist meine Zeit in Kambodscha nun erstmal vorbei, aber hier im Blog geht es in den nächsten Wochen noch weiter. Auf euch warten so einige Geschichten und Themen und natürlich auch meine Eindrücke zurück in Deutschland.

Bleibt gesund und bleibt zuhause wenn ihr könnt. Vielen Dank fürs Lesen und auf bald.

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